Was geht im Kopf eines Menschen vor, dem das Verstehen der Welt und das Ich immer mehr abhanden kommen? Ist Verstehen doch mehr als ein Durchschauen von Mechanismen, sondern eben auch, das Verständnis von Begebenheiten und Situation zu behalten, um daraus zukünftig Schlüsse ziehen zu können. Und genau das geht bei einer Demenz-Erkrankung unbarmherzig stiften, bis die Welt ein fremder, mal beängstigender, mal nur aus Vergangenheit bestehender Ort zu sein scheint. Will man so leben? Eine Frage, die man sich vor der Erkrankung stellt (wohl jeder hat im erweiterten Kreis einen z. B. Alzheimer-Patienten) – und oft nicht mehr reagierend beantworten kann, wenn man darin steckt.
David Hastings, ein Geschäftsmann in seinen Siebzigern hat sich entschieden. Und reist mit seinem jungen Assistenten Cody in die Schweiz, wo er selbstbestimmt sein Leben beenden lassen kann, bevor es ihm endgültig durch die Finger rinnt. Vorher macht er Zwischenstation bei seiner Tochter und seinem kleinen Enkel in London, erzählt aber nichts von seinem Vorhaben. Hastings erinnert sich, agiert in der Gegenwart so, dass er möglichst ohne in die Fallstricke der Komplizierthjeit der Welt zu egraten, durchkommt – und macht sich Gedanken. Sein Ziel, eine Frau in Zürich, ist klar. Die Etappen führen durch sein Leben.
Ist also assistierter Suizid das Thema? Nein. Es ist das sich Zusammenreimen der Gegenwart, wenn der Verstand einen nur noch löchrig unterstützt, es ist der Rückblick auf ein Leben, von dem man weiß, wann und wie es enden wird. Wir hören die Gedanken von David Hastings, wir reisen in seinem Kopf mit. Und das auf eine faszinierende, berührende Weise. Denn Emma Cline findet Worte und Sätze, die von einer Wahrhaftigkeit sind, die man wohl nur automatisch aufbringt, wenn man nichts mehr zu verlieren hat, wenn man dem Verschwinden das entgegensetzen will, was man noch hat. Das ist verblüffend empathisch, unsentimental und nachhallend. (und natürlich fragt man sich, wie eine 37-jährige Autorin dazu in der Lage ist. Nennen wir es Talent und freuen uns darüber. Punkt.).
Selbstverständlich stellt sich die Frage, wie man selbst agieren würde. Und/oder wie es dem Menschen, den man kennt und der denselben Weg geht, gerade zumute ist. Aber das hier ist kein wissenschaftliches Buch, aus dem man Strategien ableiten könnte. Es ist schlichtweg faszinierende Literatur und eines der beeindruckendsten Bücher seit langer Zeit.

