Kürzlich war eine Kundin in der Buchhandlung, die das Buch kaufen wollte, weil ihre Tochter Alma heißt und der Sohn ihrer besten Freundin Anton. Davon kann man nur abraten. Denn was dieser Roman von Dana Vowinckel erzählt, das will man von seinen Kindern nur zum Teil wissen, man will keinesfalls, dass sie sich mit dem Erzählten im echten Leben selbst auseinandersetzen müssen und die Vorstellung, Eltern haben beim Lesen das Bild der eigenen Tochter oder des eigenen Sohns vor Augen, sorgt dafür, dringend zu etwas anderem zu raten.
Nun haben wir ja viele Literatur-Kritiker im deutschsprachigen Raum, und es beruhigt, wie sehr gut „Anton und Alma“ besprochen wurde. Eine Ausnahme stellt Zelda Biller dar, die meint, es sei souverän, in der NZZ nicht nur einmal alle Kandidaten der Longlist im Vorbeigehen mit verbalen Ohrfeigen zu versehen, sondern Vowinckels Buch als „klassische Konversationsprosa, auf die sich alle einigen können“ einzuordnen. Das ist die Form von Arroganz, die so gestrig und überflüssig ist, dass man sich kurz fragt, was das soll. Um sich dann zu denken, Frau Biller wird wissen, was ihr das bringt, der Rest der Welt kann diese Einschätzung einfach ignorieren.
Worum geht’s? Knapp gesagt, um eine Liebesgeschichte zwischen einem klugen, sensiblen Mädchen aus eher einfachen Verhältnissen und einem suchenden Jungen, der einer jüdischen, eher intellektuellen Familie entstammt. Das Ganze spielt hauptsächlich in Berlin und New York, der 7. Oktober nimmt eine entscheidende Rolle ein, es gibt sehr viele Fragen, sehr viele berührende Gedanken, feine Formulierungen und vor allem eine Erzählweise, die einen immer weiterträgt.
Hier jetzt der Spoiler, bitte bei Nichtbedarf zum nächsten Absatz springen! Das Ganze geht so traurig aus, dass ich nicht nur beim Lesen, sondern auch später noch geweint habe. Wann ist mir das denn zuletzt passiert? Und warum? Vielleicht auch, weil die Erkenntnis, dass das Leben eben keine Geschichte ist, die einen Sinn ergibt und in der man immer noch auf das „es wird schon alles gut“ hoffen kann, so traurig wie wahr ist. Vielleicht auch, weil der Schmerz so anschaulich geschildert ist. Hat es das gebraucht, dass es nicht gut ausgeht? Ja.
Vielleicht bekommt Dana Vowinckel für „Anton und Alma“ den Buchpreis. Schön wär’s. Vielleicht auch nicht, auch in Ordnung. Aber schön, dass der Roman auf der Shortlist steht und das Interesse so groß ist. Schade hingegen, dass Suhrkamp (wie aber auch alle anderen Verlage) von der Nominierung so überrascht war, dass man zwei Wochen auf das Buch warten musste. In dieser so schnell drehenden Zeit sind damit diesem unbedingt empfehlenswerten Buch, dieser schönen, schmerzlichen und klugen Liebesgeschichte, die so viel mehr ist, zu viele Leser*innen abhandengekommen.

